Videofon Knigge

In einigen Jahren - Optimisten sagen in zwei, Pessimisten schätzen eher in zehn - werden wir nicht mehr nur einfach telefonieren, wir werden videofonieren. Zeit sich den Kopf über den richtigen Benimm zu zerbrechen.

Denken Sie zurück an die Mitte der 90er Jahre. Da bewegte uns die Frage, darf man im Kaffeehaus laut in sein Mobilo sprechen. Karikaturisten antworteten mit netten Bildchen, die einen Handyisten allein am Tisch zeigten und hinter einem Cordon sanitaire saß der Rest der misstrauisch äugenden Besucher. Schon zwei Jahre später hatte sich das Bild umgedreht: Allein und von einem Glacis isoliert fand sich der handylose Sonderling. Inzwischen ist es angeblich schon üblich in der U-Bahn zu telefonieren und die meisten haben begriffen, dass man nicht durch Schreien die Distanz zu überbrücken braucht.

Was uns heute bewegt sind andere Fragen: Darf man das Handy auch außerhalb der Schlafenszeit ausschalten? Ist bei einem Meeting das Mobilo gänzlich still zu legen oder schaltet man auf Besprechung und nimmt wichtige Anrufe trotzdem an? Als Todsünde wird betrachtet, das Handy läuten zu lassen und nicht anzunehmen. Weiß doch der Anrufer dann nicht, hört der gewünschte Gesprächspartner nur wegen hoher Umweltgeräusche schlecht, ist er kurz weg, oder ist etwas Ernstes passiert.

Beim Videofonieren werden die Fragen erheblich komplizierter. Ein Audiogespräch meiner Angebeteten kann ich auch in einer etwas missverständlichen Situation annehmen, aber auf dem Bild würde man möglicherweise sehen, dass ich das Hemd ausgezogen habe. Oder, was bedeutet es, dass sie nur per Audio, aber ohne Bild anruft? Darf ich nach 20 Uhr privat per Video anrufen? Was bedeutet es, wenn das Videogespräch nicht, das normale Audiogespräch aber schon angenommen wird? Ist nur ihre Frisur nicht in Ordnung oder hat sie etwas vor meinen Blicken zu verbergen.
Der Anruf des Chefs kann höchst unwillkommen sein, wenn man statt beim Kunden im Beisl sitzt, was bei einem Audioanruf durch einen kurzen Sprint in eine geräuscharme Zone leicht zu camouflieren ist.

Das sind nur einige der Fragen, die wir uns stellen werden. Aber ich bin mir sicher, die Industrie wird uns rasch technische Abhilfe anbieten. Vorgefertigte Hintergründe werden von den Betreibern für ihre Kunden - aber nur für diese - angeboten werden, vor denen das eigene Livebild eingespielt wird und die je nach Wunsch das Büro, einen Park oder sonst Unverfängliches zeigen. Das Mitsenden eines Stand- statt des Livebildes ist schon wieder gefährlicher, weil Fragen provozierend. Ideal wäre natürlich wenn eine Synchronisierung mit dem gerade Gesprochenen möglich wäre - aber das dauert sicher noch länger.

Sie sehen schon, jeder Fortschritt wirft neue Probleme auf.


(pfm)


Reaktionen auf diesen Artikel

x
WAnn ist dsa geschrieben worden???
  x - 2006-08-30
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