Facebooks Griff nach der Herrschaft im Web
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Facebooks Griff nach der Herrschaft im Web

 

Mark Zuckerberg hat heute eine Reihe weiterer Innovationen bei Facebook vorgestellt – das soziale Netz hat sich praktisch neu erfunden. Für das Web insgesamt können die Auswirkungen dramatisch sein, könnte Facebook doch so etwas wie das Nervensystem des Web werden, ohne das nichts mehr geht.

 

(22.9.2011, 22:05)  Facebook erfindet offenbar gerade Social Networking neu. Die Änderungen, die in den vergangen Tagen sichtbar wurden, stellen nur den kleineren Teil dessen dar, was in den nächsten Tagen und Wochen noch kommen wird. Ich muss gestehen, ich bin sehr beeindruckt von der Innovationskraft und den ziemlich bestechenden neuen Ideen. Hier mal meine ersten Gedanken dazu.

Aus dem Profil eine Timeline zu machen ist eine brillante Idee. Es folgt dem was unsere Großeltern mit Fotoalben und Tagebüchern gemacht haben, nur eben elektronisch umgesetzt. Sehr praktisch und nützlich für dich selbst und schön das anderen so zeigen zu können. Allerdings - wer 2008 beigetreten ist, schafft gerade mal 3 Jahre und bei manchen werden es nur 3 Monate sein. Ob sich da wer hinsetzt und seine Timeline in die Vergangenheit ergänzt?

Genial finde ich auch, die Idee mit dem Ticker, der zeigt was Freunde machen – inklusive Musik, Lesen, Videos und Apps nutzen. Liest ein Freund einen Artikel, genügt ein Maus over den Eintrag im Ticker und schon sieht man in einem Fenster zumindest einen Teil des Artikels und kann sofort dorthin klicken.

Also, von der Nützlichkeit der beiden Innovationen bin ich überzeugt. Wo ich – und mit Sicherheit auch die Datenschützer – größte Bedenken habe, ist die Timeline. Erst heute habe ich einen Bericht über eine Studie gelesen, nach der schon 10% der Bewerber für einen Job wegen irgendwelchen unpassenden Online-Daten nicht eingestellt werden. Das ist offenbar in der Zwischenzeit ein ganz reales Risiko geworden.

Facebook hat noch dazu eine Historie von undurchsichtigen, nicht funktionierenden und willkürlich geänderten Privatsphäre Einstellungen. Wir haben in den vergangenen Jahren gelernt, dass du niemals sicher sein kannst, wer welche Daten von dir zu sehen bekommt. Ein Schalglicht auf Facebooks Einstellung dazu wirft auch das, was die Apps für Smartphones tun. Voreinstellung ist, dass sie die Kontaktdaten ausliest und an Fecebook überträgt. Und das ist ein ganz klarer Rechtsbruch in Europa, denn für die Übertragung von Daten in Länder außerhalb der EU, ist die Zustimmung der betroffenen Person erforderlich. Facebook kümmert sich offenbar recht wenig um die Gesetzeslage in anderen Ländern.

Ich könnte mir vorstellen so eine Timeline zu nutzen in einem Netz wie Diaspora. Dieses basiert darauf, dass unabhängige, lokale Knoten die Daten halten. In extremis könnte ich sogar meinen Server betreiben. Wenn mir Facebook die Timeline auf meinem Computer zusammenstellt und mir damit die absolute Kontrolle über die Verwendung gibt, würde ich es ebenso mit Dank annehmen.

So nebenbei ist auch rausgekommen, dass Facebook offenbar noch alle Daten und alle Postings von allen Usern auf seinen Servern hat, sonst könnte es dir nicht deine Timeline zusammenstellen.

Ich verwende die Änderungen in der US-Version nun seit Verfügbarkeit und ich finde sie gut. Facebook ist für mich dadurch nützlicher und interessanter geworden. Ich finde den Open Graph aus Nutzersicht gut. Wie er sich für Partner auswirkt bleibt abzuwarten, aber wir haben mit der Kommentarfunktion von Facebook bisher recht gute Erfahrungen gemacht und erwarten dies auch mit dem Read-Button, oder wie immer der für Medien gedachte heißen wird.

Ich denke nicht daran, die Timeline zu füllen und werde wahrscheinlich in Zukunft noch etwas zurückhaltender sein Privates preiszugeben. Die Frage wird hier sein, wie sehr die User bereit sind, Facebook ihre intimsten Details anzuvertrauen.

Was das Web anlangt, wird Facebook noch wichtiger werden und die Rolle der Suchmaschinen weiter reduzieren. Schon jetzt sind Like-Buttons und die Kommentarfunktion in Millionen von Webseiten integriert. Bisher musste der User aber aktiv etwas tun, um das in Facebook sicher zu machen. Nun genügt es aber bereits einmal den „Read“-Button anzuklicken und schon wird im Ticker meiner Freunde sichtbar, wenn ich die Telekom Presse aufmache. Oder bei Spotify einen Song höre, oder …

Das Logo, das Facebook für die Konferenz verwendet verdeutlicht genau die Absicht. wie ein Pilzmyzel überall hin seine Fäden auszubreiten. Facebook will die soziale Ebene des Web sein, ohne die in Hinkunft nichts mehr gehen würde. Der Vergleich mit dem Nervensystem, das Meldung aus allen Regionen des Körpers zum Gehirn transportiert, drängt sich hier auf. Aber es wirkt bekanntlich nicht nur in eine Richtung, sondern wird von der Zentrale zur Steuerung der Peripherie genutzt. Der Open Graph ist ein durchaus ambitionierter Plan aber eine tödliche Gefahr für Google oder Bing.

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