In einem total spannenden Buch bieten Barbara Novak und Karoline Simonitsch einen tiefen Einblick in unterschiedliche Führungskulturen und in die IKT-Branche Österreichs. Die Wirtschaftselite Österreichs befundet die Probleme unseres Landes.

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Buchrezension: Frauen im Netzwerk der IKT

 
 

In einem total spannenden Buch bieten Barbara Novak und Karoline Simonitsch einen tiefen Einblick in unterschiedliche Führungskulturen und in die IKT-Branche Österreichs. Die Wirtschaftselite Österreichs befundet die Probleme unseres Landes.

(Wien, 1.10.2010) Die IKT-Branche in Österreich ist noch immer wegen ihrer männlichen Dominanz übel beleumundet. Als Herausgeberinnen bieten die Wiener Landtagsabgeordnete und IKT-Sprecherin der SPÖ Barbara Novak und die Top-Beraterin Karoline Simonitsch in Interviews mit 15 Top-Managerinnen ein tiefes Verständnis über unterschiedliche Führungskulturen und so nebenbei auch einen hervorragenden Einblick in die österreichische IKT-Branche. Das Buch ist nicht nur sehr ansprechend gestaltet, sondern auch so spannend zu lesen, dass man es sich nicht unbedingt als Bettlektüre vornehmen sollte, wenn man sich nicht ein Schlafdefizit einhandeln will.

 

In Österreich ist der Frauenanteil in der IKT-Branche noch immer bedauerlich gering und vor allem die Führungspositionen in einem international unüblichen Maß männlich dominiert. Die beiden Herausgeberinnen zeigen in den Interviews mit 15 Top-Managerinnen und Unternehmerinnen, dass Erfolg in der Branche durchaus nicht geschlechtsspezifisch ist. In den Interviews erläutern die Frauen, wie mit anderen Herangehensweisen der gleiche, wenn nicht sogar bessere Erfolge zu erzielen sind. Und es kommt immer wieder eindrucksvoll heraus, dass Diversity, also die Mischung von unterschiedlichen Skills und Gesichtspunkten, langfristig nachhaltiger und erfolgreicher ist, als eine männliche Monokultur.

 

Österreichische Defizite
Ein Teil der Frauen mit internationalen Erfahrungen, wie etwa Maria Zesch von T-Mobile, Merin Akin-Hecke von Digitalks oder Ulrike Foisner von Fujitsu Technology Solutions berichten von Ländern wie Kroatien, Türkei oder Südosteuropa, dass in diesen Ländern nicht diese männliche Dominanz herrscht, wie bei uns in Österreich. So sagt Foisner: „... innerhalb der IT in Südosteuropa (gibt) es so gut wie keine Geschlechterdifferenzierung. Wir haben dort einen 50/50 Anteil.“ Und Zesch berichtet von ihren Erfahrungen als Geschäftsführerin von T-Mobile in Kroatien: „Ich kann bestätigen, dass es auf jeden Fall einen Unterschied zu den deutschsprachigen Ländern gibt. Ich hatte sehr viele Mitarbeiterinnen mit einer technischen Ausbildung. Im östlichen und südöstlichen Europa ist das auf den Kommunismus zurückzuführen. Die Frauen haben keine Scheu vor technischen Ausbildungen und sind im gleichen Ausmaß in technischen Unternehmen tätig wie Männer.“

 

In ihrem Vorwort stellt auch Karoline Simonitsch gesellschaftliche Probleme fest: „In Bulgarien sind rund 50 Prozent der Informatikstudenten Frauen. Bei uns bzw. im gesamten deutschsprachigen Raum ist der Prozentsatz noch erschütternd gering.“

 

Die Problemfelder

Wenn man die CVs dieser 15 erfolgreichen Frauen ansieht, kommt man auf knapp 0,2 Kinder pro Frau – und das gegenüber einem Durchschnitt von ohnehin schon mageren 1,4 Kindern pro Frau in Österreich. Da stellt sich natürlich die Frage, ob Frau-Sein mit dem Beruf der Managerin unvereinbar ist.

 

Die Antwort ist ein klares Nein. So sagt die äußerst erfolgreiche Chefin von NextiraOne Magarete Schramböck, die sowohl in Österreich als auch in Deutschland die Geschäftsführung ausübt: „In Frankreich  - ich habe ja viele französische Kolleginnen – hat sich die Politik nach dem 2. Weltkrieg ein sehr einfaches Ziel gesetzt. Sie wollten an Bevölkerungszahlen mehr werden als die Deutschen. Um das zu erreichen, hat jedes Kind ab 3 Monaten bis zu 18 Jahren einen Vollbetreuungsplatz im Kindergarten und in der Schule. Zusätzlich gibt es noch Steuerbegünstigungen. Das führt dazu, dass in vielen Familien Vater und Mutter arbeiten und dass auch Frauen in Führungspositionen kinderreiche Familien haben.“

 

Noch vernichtender ist das Urteil von Infineon Chefin Monika Kircher-Kohl: „... liegt das an der Tradition Österreichs und unserem Gesellschaftsbild, das von der Kirche und dem Nationalsozialismus geprägt wurde und daher wollen Frauen nicht als die Antifamilienmenschen in der Öffentlichkeit stehen, wenn sie Karriere machen.“

 

Im Vorwort zu dem Buch spricht Doris Bures, Bundesministerin für Verkehr, Innovation und Technologie an anderes gravierendes Problem an, das nicht nur Frauen, sondern Eltern generell trifft: „Atypische Beschäftigung, flexible Arbeitszeiten und eine hohe Zahl von Überstunden stellen eine deutliche Beeinträchtigung der Work-Life-Balance dar.“ Und das gerade in einer Branche, die angetreten ist um die Work-Life-Balance zu verbessern und die unsere Produktivität laufend erhöht. Arbeitszeiten von 12 oder mehr Stunden, wie sie in dieser Branche mehr als üblich sind, sind eben nicht dazu angetan um eine Rolle als Mutter und natürlich auch als Vater noch sinnvoll ausfüllen zu können.

 

Barbara Novak weist in ihrem Editorial auf die unmögliche Situation hin: „Einerseits ist das geringe Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen für Kinder von 0 bis 3 Jahren dafür verantwortlich, andererseits gibt es immer noch die gesellschaftliche Verurteilung von Frauen, die ihre Kinder mit einem Jahr oder einem halben Jahr in die Betreuung geben.“

 

Einen ideologischen Hintergrund statt simpler Beurteilung von Leistung unterstellt gar Petra Jenner, Geschäftsführerin von Microsoft Österreich: „Ich bin mit dem Thema Frauenförderung im Zwiespalt. Ich glaube nicht, dass amerikanische Unternehmen eine frauenfreundlichere Kultur haben. In amerikanischen Unternehmen funktioniert alles nach dem Leistungsprinzip. Wenn du eine Leistung erbringst, kommst du weiter. Wenn du keine Leistung erbringst, kommst du nicht weiter. Es stimmt aber, dass in Amerika viele Frauen in Spitzenpositionen sind, eben weil es um das Leistungsprinzip geht.“

 

Die Netzwerkerinnen

Interessant ist auch, wie Frauen die Unterschiede beim Netzwerken erfahren. Grundsätzlich wird den Männern unterstellt, dass sie besser darin sind, mehr Zeit aufwenden, aber vor allem auf den eigenen Vorteil bedacht agieren. Frauen trennen dagegen offenbar strikt zwischen privat und beruflich, und wenn schon einmal genetzwerkt wird, dann primär zum Vorteil des Unternehmens.

 

Fazit

Das Buch ist ein Must-Read für jede Frau und für jeden Mann, dem der Wohlstand unseres Landes und eine positive Entwicklung unserer Gesellschaft ein Anliegen sind. Obwohl das Buch sich nur mit der IKT-Branche beschäftigt, zeigt es doch symptomatisch die Defizite unseres politischen Systems gegenüber den meisten Ländern der EU und den USA auf. Die Befunde sind wohl leider mühelos auf alle anderen Branchen zu übertragen. Und – sie stammen von der Wirtschaftselite des Landes.

 

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